
Marie de France ist die Protagonistin der Romanbiographie Marie ist mein Name, die im 12. Jahrhundert spielt. Sie ist die erste namentlich bekannte Schriftstellerin, die ihre Werke in der Volkssprache Französisch, im Gegensatz zum gelehrten Latein, verfasst hat.
Dame Marie, herzlich willkommen zu unserem heutigen Gespräch unter Kolleginnen.
Diex vus sait, dame. Es ist mir eine Freude, Euch in meiner bescheidenen Schreibstube begrüßen zu dürfen.
Gleich zu Anfang die Frage: Folgen wir der modernen Duz-Gepflogenheit in Autorenkreisen oder bleiben wir beim Sie … äh … Ihr?
Ach, wir haben doch nun schon so viel zusammen erlebt, bel amie, da sollten wir uns duzen. Außerdem sind wir doch hier unter uns.
Wunderbar. Dann würde ich sagen, stell Dich kurz vor, liebe Marie.
Sehr gerne. Marie ai num, si sui de France.
Äh, ja, das war nun in der Tat wirklich sehr kurz, und eigentlich wissen die Leser bereits, dass Du Marie de France heißt. Obwohl es ja Spekulationen gibt, dass das gar nicht Dein richtiger Name ist.
Wie bitte? Und warum sollte ich mich dann in meinen Werken so nennen?
Vielleicht hat jemand beim Abschreiben Deines Manuskripts nicht nur Wörter und Zeilen verändert, sondern auch Deinen Namen.
Das sollten sie mal wagen, diese nichtsnutzigen Mönche! Wahrscheinlich steckt dieser Denis dahinter.
Du meinst Denis Piramus? Der hat Dich immerhin bei Deinem korrekten Namen genannt.
Oc, das stimmt.
Aber zurück Dir. Erzähl uns ein bisschen mehr über Dich.
Ach, was gibt es schon groß über mich zu erzählen?
Eben. Außer Deinem Namen und drei Werken haben wir so gut wie nichts mehr von Dir – ganz im Gegensatz zu Deiner berühmten Zeitgenossin Eleonore von Aquitanien.
Eine sehr kluge und schöne Frau, die es verdient hat, dass man über sie redet.
Das tat und tut man allerdings, nur nicht immer positiv.
Oc, das kennt man als Frau ja, noch dazu an einem Königshof, insbesondere dem englischen. Ein Schlangennest ohnegleichen! Da hat man seinen schlechten Ruf schneller weg, als die Tinte auf dem Pergament trocknet. Eine selbstbewusste, ehrgeizige Frau wie Alienòr musste schon früh gegen all die männlichen Vorurteile und Egos kämpfen, die sich am französischen und später am englischen Hof herumtrieben.
Das ist alles sehr interessant, aber eigentlich möchten wir mehr über Dich und Deine Werke erfahren. Vor allem Deine märchenhaften bretonischen Erzählungen, die Lais, sind auch heute noch beliebt.
Na, das will ich doch hoffen! Schließlich sind die Ansprüche und Forderungen der höfischen Gesellschaft in Bezug auf Frauen absolut indiskutabel, vor allem, wenn eine Frau den falschen Mann liebt. Für Frauen gehen Scham und Schande Hand in Hand, während den Männern freie Hand gelassen wird. Zumindest den reichen, mächtigen – und den erstgeborenen.
Hm. Ich befürchte, dass die Leute heutzutage weniger an der versteckten Kritik in Deinen Erzählungen interessiert sind als vielmehr an deren Märchenhaftigkeit.
Willst Du etwa sagen, dass ich lüge? Ahi, mein Ruf ist ruiniert!
Keinesfalls. Deine Werke werden auch heute noch gerne gelesen, vielleicht nicht ganz so viel von Laien, wie es in Deiner Zeit der Fall war, aber sie gehören zu den absoluten Klassikern der französischen Literatur, die auch in andere Sprachen übersetzt wurden. Du bist ja auch selbst eine fleißige Übersetzerin gewesen.
Oc ben, das ging ja gar nicht anders. Wie hätten denn sonst all jene, die nur Romanz, also die französische Volkssprache, sprachen, die Geschichten verstehen sollen? Wie Du schon sagtest, stammen die Lais aus der Bretagne, die Fabeln aus meiner Sammlung habe ich von der englischen Übersetzung von Aesops Fabeln durch König Alfred übertragen, und die Heiligenlegende über Seint Patriz beruht auf einem lateinischen Text.
Kein Wunder, dass man nicht nur aufgrund Deiner vorzüglichen Sprachkenntnisse annimmt, dass Du entweder dem Adel oder einem Kloster angehört hast. Es gab ja zu Deiner Zeit genügend Maries, die in diesem Umfeld gelebt haben. Könnte es also tatsächlich sein, dass Marie de France sich hinter einer der bis in unsere Zeiten historisch belegten Maries verbirgt, etwa Eleonores Tochter Marie de Champagne oder die Äbtissinnen von Shaftesbury und Barking?
Par Deu, warum sollte ich es nötig haben, mich hinter jemandem zu verbergen? Weil meine Werke so schlecht sind, dass ich lieber verschweige, dass ich sie geschrieben habe? Weil jemand sie missverstehen oder schlecht über mich reden könnte? Quel folie! Früher habe ich mir darüber noch Sorgen gemacht, aber mittlerweile bin ich eine geachtete und gereifte Frau. Da kümmert es mich nicht mehr, wenn irgendein Vilain mich schmäht. Frag nur Denis!
Vielleicht ein andermal, aber ich denke das ist ein guter Schluss. Vielen Dank für das Gespräch, liebe Marie, je t’en mercie grandement.
Die Freude war ganz meinerseits, jeo t’ai parlé tresvolonters. Sende mir beizeiten eine Abschrift unseres Gesprächs, damit ich es nach Romanz übersetzen kann.

