Als Autorin historischer Romane, die in der Donaumonarchie des ausgehenden 19. Jahrhunderts spielen, habe ich häufig mit genau diesem Typus Mensch zu tun, den ich hier zu einem fiktiven Interview bitte. Schon in „Der Goldvogel“ gibt es einen Rittmeister, der ähnliche Züge aufweist und wie ein Cousin von Schnitzlers „Leutnant Gustl“ daherredet. In meiner neuen Romanreihe mit Schauplatz Meran in Südtirol – der zweite Band „Schattenflamme“ ist gerade erschienen – habe ich es nun mit einem jungen Mann zu tun, dessen Treiben ich bereits in zwei Bänden begleiten durfte. Darf ich vorstellen: Der schöne Max.
AMR: Beginnen wir vielleicht mit der Anrede. Können wir uns für die Dauer des Gesprächs darauf einigen, dass wir Sie nicht bei ihrem vollen Namen nennen, Maximilian Erbgraf von Montalban? Sondern einfach nur Max sagen und „du“?

MAX: Das kannst halten, wie du magst. Ich bin ja deine Schöpfung. Du hast mich eh schon „Maxl“ oder den „schönen Max“ nennen lassen durch meine Cousinen in Kapitel 14 vom ersten Band – also, mei, was soll’s. Und schau, es liest in meinen Kreisen sowieso keiner, was eine wie du schreibt. Das ist mir also durchaus gleichgültig.
In der Familie nennen wir uns natürlich alle mit unseren petits noms, unseren Spitznamen: die Fanny, die Toni und Cousin Stani. Und mich nennt man eben den Max. Aber im Schweizer Internat, da war ich der Montalban. Ach, eine famose Zeit! Zu Viert waren wir meist auf unseren Touren, wie die vier Musketiere…
AMR: Aber … waren das nicht drei Musketiere bei Dumas?
MAX: Geh, was habt ihr oberschlauen Frauenzimmer es immer mit euren Romanen? Bleiben wir lieber bei was Handfestem. Also, vier waren wir: Ich, dann der Falkenberg, der Esterhazy… und natürlich der Benedetti. Ein Korse, Sohn des früheren französischen Botschafters Graf Benedetti. Ja wir waren so eine Kavaliersrunde – aber Benedetti war der Schlimmste. Es ist eigentlich ein Witz, dass du ihn immer so freundlich darstellst, denn im Internat war der wirklich ein räudiger Bursch. (lacht) Mei, was der angerichtet hat, als er im Sommer 1870 bei uns auf Schloss Waldegg war. Wenn der nicht rechtzeitig zur Mobilmachung nach Paris zurückbeordert worden wär’, ich weiß nicht, wen er noch inkommodiert hätt! Aber gut, das hat sich ja erledigt, jetzt ist er ein ganz anderer Mensch.
AMR: Inwiefern?
MAX: Na, den hat der Krieg 1870 ordentlich umgestellt. Wenn du mich fragst, hat ihn das ziemlich getroffen, er kann jetzt vom Morphin gar nimmer lassen. Ich hab ihn in Meran zum Steinernen Steg g’schickt, weil dort doch dieser neue, unerfahrene Arzt praktiziert: Dr. Hirsch. Von dem erhofft sich der Benedetti jetzt ein Rezept, schauen wir einmal, ob es ihm gelingt… Ich kann mir’s freilich kaum vorstellen. Und die anderen Ärzte werden ihm nichts verschreiben: Der Ladurner nicht, der Tappeiner schon gar nicht – na, und der Kajetan verschreibt eh nur seine nutzlose Sanitas-Tinktur. Aber das wird unser korsischer Freund schon merken.
AMR: Hm, klingt nicht danach, als ob Benedetti seine Probleme aus Kriegszeiten überwunden bekäme?
MAX: Das glaub ich auch nicht. Er ist auch sonst so verändert, fast schon fad. Geht nicht einmal mehr mit zur Mitzi…
AMR: Die Mitzi? Die da hinterm Ultner Tor unweit vom alten Schießstand?
MAX: Ja, genau die. Aber das ist mir im Grunde gleichgültig, er soll mir nur nicht bei dieser jungen Preußin querschießen, oder Halb-Preußin? – na, dieses Fräulein Helen von Burt eben. Das hat nämlich durchaus etwas. Und Benedetti soll’s mir auf keinen Fall verderben.
AMR: Es scheint, das macht dich ein wenig nervös?
MAX: Also, bittschön, ein Montalban ist nie nervös. Ich bin der Alleinerbe des Majorats, ich bekomme bald alles, auch Schloss Waldegg und das Palais in Wien – ich kann mir nehmen, was und wen ich will. Warum sollte ich nervös sein?
AMR: Naja, dir ist aber schon bekannt, dass sich dein früherer Schulkamerad und diese Helen von Burt beim Tanzball im Café Paris über den Weg gelaufen sind? Und vor deiner Bergtour mit Helen, naja, ich hab’s sogar im ersten Meran-Roman „Walzerblut“ erwähnt, da sind die beiden zusammen von Meran hoch nach Hafling geritten, quasi in geheimer Mission. Und sowohl beim Ball als auch bei diesem Ritt nach Hafling, warst du nicht mit von der Partie, oder?
MAX: Was soll dies denn andeuten? Dass dieser korsische Bandit meinem Fräulein Helen nachstellt??
AMR: Nur die Ruhe, Max. Soweit ich informiert bin, hat Benedetti derzeit andere Sorgen. Und auch das hat etwas mit dieser geheimen Mission zu tun, übrigens geht’s da südwärts nach Salurn, gleich an der Grenze zum Trentino…
MAX: Wo auch immer, das ist mir gleich. Hauptsache, er kommt mir nicht in die Quere. Ich habe dem Fräulein bereits weiße Kamelien ins Hotel geschickt, und du weißt ja selbst, was ein Montalban damit andeutet. Aber sag, da du offenbar so gut informiert bist: Was hast du dir für mich und Helen denn im nächsten Roman „Schattenflamme“ ausgedacht?
AMR: Oh … Einiges. Vielleicht liest du einfach einmal in das Buch hinein? Für euch habe ich extra eine historische Schicksalsstunde recherchiert, minutiös, war eine Heidenarbeit.
MAX: Ach nein, schon wieder ein Roman, das ist nichts für mich. Und Arbeiten? Na, ich spekulier lieber in Wien an der Börse, das schaut derzeit recht vielversprechend aus, besonders bei den Eisenbahnen. Für 1873 stehen die Aussichten glänzend.
AMR: Dann kannst du alles Weitere ja auch einfach auf dich zukommen lassen, richtig?
MAX: Freilich kann ich das! Und sei versichert – ein Montalban kommt immer durch, und sei es der größte Schlamassel.
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