Die holprige Straße der Recherche

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Die Zeit ist da, ich spüre die Gier in mir, ja, ich möchte zum dritten Mal in die Welt von Wilhelm Fodor eintauchen! Der gute Mann ist Chefinspektor beim Wiener Landeskriminalamt, doch das in den 1960ern. Als Babys haben zwar einige von uns wie auch ich die zweite Hälfte dieses Jahrzehnt erlebt, doch leider ist davon naturgemäß wenig hängengeblieben. Also steht neuerlich – die von mir heiß geliebte – Recherche an: Interviews mit Zeitzeugen, Sachbücher, Ausstellungen, klar, das Netz, Zeitschriften (die mir liebenswürdigerweise immer wieder Leserinnen und Leser zukommen lassen, danke!) und natürlich Zeitungen. Die sind vor allem in zwei Phasen entscheidend: am Beginn der Recherche, um sich einen Überblick über die Stimmungslage zu machen (was waren die Themen, die alle beschäftigt haben, welche Skandale haben sich über einen längeren Zeitraum gezogen, gab es bemerkenswerte Großereignisses, etc.), und während des Schreibprozesses (wie war an diesem und jenem Tag das Wetter, was spielte das Radio zu dieser Uhrzeit, wieviel hat was in Werbeeinschaltungen gekostet, denn damit kann man auf Kaffeehausrechnungen rückschließen, über was haben sich an einem bestimmten Tag die Leute das Maul zerrissen).

Bei den ersten beiden Romanen war mir in Bezug auf Zeitungen die von Fans eingescannte und ins Netz gestellte Arbeiter-Zeitung eine enorme Hilfe – es war, als läge sie neben mir. Ich habe einfach geblättert und alles innerhalb kürzester Zeit zur Verfügung gehabt. Warum ich mich ausgerechnet auf diese kapriziert habe? Nun, weil sie die einzige war und ist, die für diesen Zeitraum digital zur Verfügung steht. Denn ANNO, das Digitalisierungsprogramm der Nationalbibliothek, endet derzeit aus urheberrechtlichen Gründen irgendwo in den 1940er- oder 1950-er-Jahren (es gibt allerdings neuere Ausgaben von Zeitungen, als digitale Ausgaben schon Alltag waren).

Ich rufe also voller Elan die Seite des AZ-Archivs auf – und sehe mich einer Baustelleninformation gegenüber. Man will die Zeitung verbessert zur Verfügung stellen. Nun denn, soll sein, ich habe auch noch andere Projekte zu beenden. Nach zwei Monaten neuerlicher Aufruf der Seite: Baustelle. Nach sechs Monaten, nach acht, neun, zehn. Nichts. Ich bin noch nicht verzweifelt, jedoch leicht säuerlich, denn das bedeutet, will ich mit meinem Fodor drei vorankommen, dass ich mich in die Nationalbibliothek in Wien bequemen muss, denn natürlich kann man Drucksorten aus dieser Zeit nur vor Ort einsehen, in meinem Fall lediglich auf Mikrofilm. Ich pushe mich in eine gute Stimmung, denn Mikrofilm ist hauptsächlich etwas für Archiv- und Recherchefreaks, es wird also schon alles gut gehen in Bezug auf nicht ausgeliehen und Platz frei am MF-Wiedergabegerät.

Bei meinem ersten Besuch (jeweils eineinviertel Stunde Hin- und Rückfahrt) funktioniert auch alles prächtig. Ich schaffe allerdings nur eine knappe Stunde Studium, denn erstens ist das Sichten von Mikrofilm sehr anstrengend und zweitens die Klimaanlage dermaßen kalt und windig eingestellt, dass ich mir für das nächste Mal ein Schultertuch mitnehmen muss, um nicht krank zu werden.

Beim zweiten Mal ist die moderne Maschine belegt und die zweite funktioniert nicht – zu meinem Glück, denn die Chefin der Abteilung hebt mir die Originalfolianten aus. Da lässt es sich im freundlichen Lesesaal schon wesentlich besser blättern und schmökern.

Doch ich hatte eine Schwachstelle von mir komplett verdrängt: Schon während meines Studiums hatte die ruhige Atmosphäre der Lesesäle in der Nationalbibliothek eine dermaßen entspannende Wirkung auf mich, dass ich regelmäßig nach einer halben Stunde Lektüre eingeschlafen bin (worauf ich mir sehr viel Sekundärliteratur in Antiquariaten besorgt hatte, denn zuhause war ich immer hellwach). So auch nun. Ich kämpfe dagegen mit (nicht notwendigen) Toilettenbesuchen, Wasser trinken, Dehnübungen und sonstigen verzweifelten Aktivitäten an, schaffe dadurch immerhin etwa eineinhalb Stunden.

Nach fünf, sechs Besuchen wird mir klar: So komme ich nicht weiter (zu dem Zeitpunkt bin ich erst im März des Jahres 1967). Ich suche desperat die Infostelle auf. Ob die Dame nicht irgendein Archiv wisse, das aus den Sechzigern digitalisierte Zeitungen habe. Wir plaudern, sie sucht, auch in anderen Bibliotheken, ich erwähne sentimental das Archiv der Arbeiter-Zeitung, das es jedoch nicht mehr gebe – sie ist elektrisiert. Starrt mich an. Doch! Das AZ-Archiv ist seit vier Tagen wieder online. Wir strahlen gleichzeitig.

Mir kommen beinahe die Tränen. Am liebsten würde ich über den Tresen springen und sie küssen. Stattdessen lasse ich mir von ihr den Link schicken, damit auch ja nichts mehr schiefgeht, und schwebe nach Hause.

Jetzt übersehe ich wieder regelmäßig die Uhrzeit, weil ich von daheim aus tief in die Sechziger eintauchen kann. Und bald gibt es einen neuen Roman mit Wilhelm Fodor und seinen Mannen. Mein Dank gebührt den Fans der Arbeiter-Zeitung, die dies möglich gemacht haben!


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