„Gott kennt mein Gewissen“ Interview mit Harold II. von England

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14. Oktober 1066 - Die Schlacht von Hastings, Wilhelm vs. Harold

Wie kam es zur Schlacht von Hastings 1066?

Der normannische Chronist Wilhelm von Poitiers schreibt über das Jahr 1064: „Etwa um die gleiche Zeit sicherte Eduard, König der Engländer, Wilhelms Stellung mit einem noch größeren Unterpfand ab. Er hatte ihn bereits zu seinem Erben bestimmt und liebte ihn wie einen Bruder oder Sohn. Nun wollte er sich auf die unabwendbare Todesstunde vorbereiten, die er als ein Mann, der durch ein frommes Leben nach dem Himmelreich strebte, herannahen spürte. So entsandte er Harold, den reichsten, ehrenhaftesten und mächtigsten seiner Untertanen, um das Versprechen mit einem Eid zu bekräftigen.“

So, da steht es: Die normannischen Chronisten sagen, Herzog Wilhelm I. von der Normandie hätte einen legitimen Anspruch auf den englischen Thron, gehabt. Stimmt Ihr dem zu, Eure Hoheit?

Harold II.: Oh, wir gehen gleich voll hinein, was? Na gut: Nein, das tue ich nicht! Das sind einfach nur schamlose Lügen. Wilhelm von Portiers hat sein Pamphlet erst zehn Jahre später geschrieben – und niemanden hat es damals sonderlich interessiert, im Übrigen.

Soll heißen, es ging den Normannen nur darum, die Eroberung Englands im Nachhinein als legal zu rechtfertigen?

Harold II.: So ist es doch immer, oder etwa nicht? Nichts an dieser Invasion war gerechtfertigt. Wilhelm war der uneheliche Bastard eines normannischen Emporkömmlings. Welches Recht sollte er auf den englischen Thron haben? Wir mussten unsere Heimat gegen ihn verteidigen.

Na ja, es gab da schon ein paar Hinweise: So lebte Eduard der Bekenner 27 Jahre lang im Exil in der Normandie. Als er dann 1043 in England die Herrschaft antrat, heiratete er Eure Schwester Edith, um beim angelsächsischen Adel Fuß zu fassen, doch Freunde wurden er und Euer Vater, der mächtigste Earl damals, nie. Die Ehe blieb zudem ohne einen Erben. Und dann kam das Jahr 1051 …

Harold II. König von England - Reenactment der Schlacht von Hastings

Harold II.: Mein Vater war ein willensstarker, stolzer Mann. Eduard und ich hingegen, wir waren Freunde! Er hat mir vertraut wie keinem anderen.

Und doch habt Ihr euch damals Eurem Vater angeschlossen, als er in offene Rebellion zu seinem König getreten ist.

Harold II.: Steht das so in den Quellen? Ich ging zusammen mit meinem Bruder Leofwine nach Irland – während mein Vater sich nach Flandern absetzte. Und nachdem er wieder Frieden mit Eduard geschlossen hatte, erhob der König mich sogar zum Earl von Wessex.

Moment. Nicht so schnell, … da ist noch etwas passiert. Während der Krise suchte Eduard das Bündnis mit den Normannen. Wilhelm kam sogar nach London. Es muss ein Abkommen irgendeiner Art gegeben haben, denn Euer Vater musste ihm Geiseln stellen, Euren jüngeren Buder Wulfnoth. Könnte es sein, dass Euer Vater versprechen musste, dass er Wilhelm als Thronerben unterstützen würde, damit er wieder in die Gunst des Königs aufgenommen werde?

Harold II.: Und das sagen wieder nur die Normannen? Mein Vater starb schon bald danach. Ich jedoch diente Eduard getreulich. Es gab einen Thronerben in England, einen Verwandten Eduards: Edgar the Etheling! Ich selbst habe seinen Vater in Ungarn aufgespürt und sicher nach England geholt. Und doch gab Wilhelm keine Ruhe …

König Harold II. führt die englischen Truppen in der Schlacht von hastings an - Reenactment der Schlacht 2006

Damit spielt Ihr auf das Jahr 1064 an. Ihr wolltet auf den Kontinent reisen, mit Falken und Hunden. Es ging zu einer Jagd, nehme ich an. Und hier gibt es den Bericht eines englischen Kronzeugen. Nehmt uns mit in dieses Jahr.

Harold II.: (lacht grimmig) Wilhelm hielt meinen Bruder Wulfnoth nun seit 12 Jahren als Geisel. Er sollte ihn freilassen, es gab für Wilhelm keine Aussicht mehr. Die Reise war jedoch recht schnell zu Ende, die Winde auf dem Kanal sind unberechenbar, wir wurden vom Sturm abgetrieben und landeten in der Hand dieser normannischen Piraten. Graf Wido von der Picardie hielt uns gefangen.

War das eine übliche Praxis an der normannischen Kanalküste?

Harold II.: Wundert dich das? Piraten waren die Nordmannen schon immer. Sie nahmen sich die Ladung der Schiffe. Und für die Herren ging es um Lösegeld.

Auf dem Teppich von Bayeux ist die Szene zu sehen: Graf Widos Gefolgschaft erscheint schwer bewaffnet am Strand, während Ihr ohne Rüstung seid aber noch versucht, Euch zu verteidigen.

Harold II.: Gott hatte anscheinend andere Pläne. Wir wurden überwältigt. Doch bevor sie uns auch noch Gewalt antun konnten, wurden wir von Herzog Wilhelm „gerettet“. Dieser Mann ist ebenso hinterhältig wie durchtrieben.

Ein Guter Stratege sagt man, der seine Ziele unbarmherzig verfolgte. Und zum Dank schwort Ihr Herzog Wilhelm Gefolgschaft, auf die Reliquien der Heilgen. Auch das zeigt der Teppich. Habt Ihr auch geschworen, Wilhelm dabei zu unterstützen, den englischen Thron zu besteigen?

Harold II.: Niemals! Aber etwas musste ich ihm geben, um meinen Bruder zurück zu bekommen.

Die Normann beharren aber darauf. Sie werfen Euch Eidbruch vor. Einen Eid, den Ihr Vor Gott abgelegt habt, ein schweres Verbrechen …

Harold II.: Welche Gültigkeit hat denn ein Eid, der unter Zwang abgelegt wurde? Gott kennt mein Gewissen. Als Eduard starb, übertrug er mir die Verantwortung für das Reich. Denn er wusste genau wie ich, Edgar the Etheling war nicht in der Lage, gegen Wilhelm zu bestehen. Doch einer musste England gegen die Machtgier Wilhelms beschützen.

Normannische Kavallerie in der Schlacht von Hastings

Als ihr das englische Heeresaufgebot gen Süden führtet, als Wilhelm 1066 bei Hastings mit seiner Flotte landete, wusste Ihr da, gegen welchen Kämpfer Ihr antreten würdet?

Harold II.: Das war mir bewusst. Als Wilhelm ein Knabe war, wurden seine Erzieher von ihren Rivalen getötet, vor seinen Augen. Er ist unter dem Eindruck der Gewalt aufgewachsen. Er musste überleben, sich durchsetzen. Als Kriegsherr setzte er auf taktische Manöver, blitzschnelle Angriffe seiner Kavallerie. Doch in Hastings auf dem Schlachtfeld musste er sich mir stellen. Wir hatten den höher gelegenen Grund besetzt – und er englische Schildwall ist unüberwindlich. (seufzt) Ja, möglicherweise haben wir im Morgengrauen der Schlacht das Gleiche gedacht: An diesem Tag konnte nur Gott den Ausgang der Schlacht bestimmen.

Das Buch zur Schlacht von Hastings 1066!

Es war ein Machtpoker zweier mächtiger Häuser und zweier ebenso unnachgiebiger Rivalen, der in der Schlacht von Hastings entschieden werden sollte – und damit das weitere Schicksal England bestimmte. Sie standen einander mit gleicher Stärke gegenüber, und so wurde die Schlacht selbst zu einem Krimi. Wie sie ausging, erfährst du im Buch „1066 – Die Normannische Eroberung Englands.“

Was dich im Buch erwartet: Das Jahr 1066. Alle historischen Hintergründe. Die Protagonisten. Die Ausrüstung der Krieger. Der Ablauf der Schlacht nah an den Quellen. Die politischen Nachwirkungen. Und ganz viele lebendige, actionreiche farbige Live-Fotos vom Reenactment der Schlacht und den historischen Schauplätzen.

Das Buch er schein im Mai 2026 in einer zweiten Auflage: Kristin Weber „1066 – Die Normannische Eroberung Englands“. Sachbuch zur mittelalterlichen Geschichte, 148 Seiten, Hardcover. Mit zahlreichen Fotos vom Reenactment der Schlacht. ISBN: 978-3-949773-03-7

Hier geht es zum Buch: www.kristin-weber.de/veroeffentlichungen/hastings-1066/

Autor des Beitrags: C. L. Gerres auf www. sistersthroughtime.com/mitglieder/c-l-gerres/


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