Sophie betrat den Salon und eilte auf ihre Besucherin zu. Sich ihre Neugier nicht anmerken zu lassen, fiel ihr schwer, doch sie besann sich auf ihre gute Erziehung und lächelte höflich. Ein wenig Abwechslung in ihrem langweiligen Alltag konnte sie gut brauchen und es schien, als würde ihr diese Fremde einiges davon bieten können.
„Man sagte mir, dass Ihr mich sprechen wollt“, sagte Sophie und musterte die andere Frau unauffällig. Die Fremde trug ein Reisekostüm, das aus einem Stoff gemacht zu sein schien, der viel besser verarbeitet war als alles, was Sophie jemals gesehen hatte. Dessen Blau war in Sophies Augen etwas zu intensiv. Aber wieso sollte sie sich ein Urteil über die Kleidung eines anderen Menschen erlauben dürfen? „Man hat mir zwar mitgeteilt, dass Ihr mich um ein Interview gebeten habt, aber ich verstehe noch nicht ganz, was genau Ihr von mir erwartet. So aufregend ist mein Leben nicht.“
„Mein Name ist Ester D. Jones. Vielen Dank, dass Ihr mich in Eurem Zuhause willkommen heißt. Ich bin mir sicher, dass wir einige Gesprächsthemen finden werden, die auch meine Leserinnen interessiert.“
Weiterhin nichtssagend lächelnd fragte sich Sophie, was sie von der Sache halten sollte. Nach dieser vagen Antwort war sie nicht viel schlauer als zuvor, doch sie würde einfach abwarten, wie sich das Gespräch entwickelte. Gespannt musterte sie die Frau, deren langes blondes Haar bereits weiß wurde. Eine seltsam geformte Brille saß auf der Nase der Journalistin. Sophie wurde das Gefühl nicht los, dass Miss Jones etwas Fremdländisches anhaftete.
„Setzt Euch doch“, schlug sie vor und nahm der Fremden gegenüber Platz. „Für welche Zeitschrift seid Ihr tätig?“ Ungewöhnlich genug, es mit einer Journalistin zu tun zu haben. Doch dass die sich an eine andere Frau wandte, irritierte Sophie noch mehr.
„Für Die Lady von heute“, gab Miss Jones zurück und holte ein Stück Papier und einen Stift aus ihrer Tasche. „Ich interview Frauen, die ungewöhnliche Wege einschlagen. Wie ich gehört habe, seid Ihr bei der Wahl Eures Ehegatten sehr kalkuliert vorgegangen. Darüber würde ich gern mehr hören.“
„Ich würde nicht behaupten, dass ich damit eine völlig neue Richtung gewählt habe. Viele Frauen haben nicht den Luxus, bei der Entscheidung für ihren eigenen Ehemann ihre Meinung einzubringen. Ihre Familie sucht jemanden aus, der der Lady finanzielle und gesellschaftliche Sicherheit bieten kann. Meistens finden es Väter wichtig, dass auch sie auf gewisse Weise davon profitieren.“
Miss Ester legte den Kopf schief und machte sich Notizen. Dann hob sie den Kopf und lächelte Sophie an. „Das war auch die Vorgehensweise Eures Vaters?“
Hitze stieg in Sophies Gesicht. „Ich habe es ihm angeboten, aber uns war ebenfalls wichtig, dass mein Zukünftiger und ich gleiche Ziele für die Zukunft teilen. Wir wollten sicherstellen, dass sich die Liebe nach und nach entwickeln kann, weil der ähnliche Charakter echte Kameradschaft entstehen lässt.“
Wieder kritzelte die geheimnisvolle Journalistin auf dem Stück Papier. „Ihr glaubt nicht an Liebe auf den ersten Blick?“
„Der traue ich nicht. Ich finde es auch nicht wichtig, dass von Anfang an Herzklopfen im Spiel ist. Wenn sich Gefühle langsam vertiefen, weil eine echte Verbindung aufgebaut worden ist, geraten sie nicht beim ersten Sturm ins Schwanken.“
„Gab es einen bestimmten Moment, der Euch das gelehrt hat?“ Miss Jones musterte Sophie aufmerksam.
Es war unheimlich, wie genau diese Frau zu wissen schien, in welche Richtungen ihre Fragen gehen mussten, um Sophie unsicher werden zu lassen. „Warum sollte das Eure Leserschaft interessieren?“, erkundigte sie sich angespannt.
„Unsere Vergangenheit macht uns zu dem Menschen, der wir heute sind. Es tut mir leid, wenn ich Euch damit zu nahe getreten bin“, entschuldigte sich die Journalistin rasch. „Ich versuche Eure Beweggründe lediglich zu verstehen. Aus Euren Worten habe ich geschlossen, dass es einen Grund für Eure Entscheidung gibt, auf diese Gefühle ausschließende Weise nach einem geeigneten Ehepartner zu suchen.“
„Mir wäre es lieber, wenn wir nicht über die Details sprechen.“
Langsam nickte Miss Jones, ohne Sophie aus den Augen zu lassen. „Ganz wie Ihr wünscht. Würdet Ihr mir dann berichten, wie zufrieden Ihr mit dem heutigen Wissen mit der Wahl seid, die Ihr getroffen habt? Würdet Ihr einen anderen Weg beschreiten, wenn Ihr die Gelegenheit dazu erhalten würdet?“
Die Hitze auf Sophies Wangen vertiefte sich. Wie konnte diese Frau es wagen, solche Fragen zu stellen. Empört sprang sie auf. „Ich denke, wir beenden das Gespräch an dieser Stelle.“
Die Journalistin erhob sich ebenfalls. „Anscheinend bin ich wieder zu weit gegangen. Lasst mich nur wissen, wenn ich etwas tun kann, um Eurer Schicksal zu verbessern.“
„Wieso solltet Ihr Euch darüber Gedanken machen.“
Nun war es an Miss Jones, peinlich berührt zu erröten. „Weil ich mich auf gewisse Weise für Euch verantwortlich fühle.“
„Das ergibt keinen Sinn. Wir kennen uns nicht.“ Sophie kniff die Augen zusammen. Die Reaktion der anderen Frau war wirklich seltsam. Sie wurde den Eindruck nicht los, dass es eine Verbindung zwischen ihnen gab. Doch das war einfach verrückt. Oder sie stand gerade vor einem Rätsel, das sie bloß entschlüsseln musste. „Wer seid Ihr wirklich?“
„Jemand, dem Eurer Wohl am Herzen liegt“, behauptete die Fremde leise. „Jemand, der von den Sorgen weiß, die Euch umtreiben.“
„Ich verstehe nicht“, murmelte Sophie, während sich die Beunruhigung in ihre Eingeweide fraß. „Was wollt Ihr wirklich von mir?“
„Nichts. Ihr müsst keine Angst vor mir haben. Ich wollte lediglich nach Euch sehen und sicherstellen, dass Ihr Eure Hoffnung nicht verliert. Alles wird sich zum Guten wenden. Vergesst bloß nie, wie viel Stärke in Euch steckt.“
Die Worte waren seltsam persönlich, als wüsste die Fremde etwas, von dem Sophie noch nichts ahnte. „Was wird passieren?“
Rasch schüttelte Miss Jones den Kopf. „Das darf ich Euch nicht erzählen. Ich muss jetzt gehen.“ Mit fahrigen Bewegungen packte sie ihre Sachen ein und eilte aus dem Raum.
Sophie wusste nicht, ob sie ihr nachlaufen sollte oder nicht. Eine Stimme in ihrem Ohr flüsterte ihr zu, dass sie besser Abstand halten sollte. Die Fremde war einfach zu seltsam. Möglicherweise ging Gefahr von ihr aus. Überraschenderweise fühlte sich Sophie eher verwirrt und aufgewühlt als wirklich besorgt. Ob sie jemals herausfinden würde, was es mit dieser Fremden wirklich auf sich hatte?


„Die ungültige Ehe (Nach der falschen Ehe 3)“ von Ester D. Jones
Miss Barring: Eine schlechte Erfahrung mit einem zudringlichen Verehrer hat Miss Barring dazu gebracht, jedem Gentleman mit Vorsicht zu begegnen. Weil sie sich dennoch nach einer Ehe sehnt, soll ihr Vater einen geeigneten Kandidaten für sie suchen. Eine Verlobung ist schnell geschlossen. Der Gang vor den Altar soll ebenfalls schon nach kurzer Zeit erfolgen.
Lord Mildend: Dass sein nichtsnutziger Bruder plötzlich eine Ehe in Betracht zieht, weckt Lord Mildends Misstrauen. Was hat der notorische Frauenheld geplant und warum wählt er ausgerechnet Miss Barring, deren größtes Geheimnis lediglich der Lord kennt? Dass der Start der Ehe von Anfang an unter keinem guten Stern steht, kommt für Lord Mildend wenig überraschend.
Was geschieht, wenn am Tag der Hochzeit statt ihrem Bräutigam plötzlich ihr künftiger Schwager vor Miss Barring steht? Wie soll sie eine Beziehung zu ihrem Ehemann aufbauen, wenn sich stattdessen Lord Mildend um sie kümmern soll? Kann diese Ehe noch zu einem Erfolg werden oder wird die lange Abwesenheit ihres Gatten die Karten neu mischen?
Als E-Book erhältlich

