Interview mit einer Schattenseherin

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Cover Schattenseherin -- eine keltische Kriegerin mit Gesichtsbemalung

Leben, Tod und Schatten – zwischen hier und der Anderswelt geschehen die schönsten Abenteuer.

Marion Wiesler hat die seltene Gelegenheit, sich mit der Hauptfigur aus der Dilogie „Die Schattenseherin“ zu unterhalten, zwei Romanen, die zur Zeit der Kelten in Noricum (großteils das heutige Österreich) spielen.

Herzlich willkommen, es freut uns sehr, Sie heute durch zweitausend Jahre hinweg interviewen zu dürfen, Frau – nun, gleich eine Frage, wie darf ich Sie nennen?

Sie haben recht, das ist durchaus nicht so einfach. Manchmal komme ich selbst durcheinander mit den vielen Namen, die ich in letzter Zeit innehatte… Geboren bin ich als Iorco, da mein Vater der Überzeugung war, dass das Leben für Frauen gefährlich ist und so wollte er mich schützen, indem er mich als Burschen aufwachsen ließ. Als jedoch aufflog, dass ich weiblich bin, nannte mein Herr mich Iorca. Meine Mutter hingegen hat mich immer – wenn auch nur heimlich, wenn mein Vater nicht zugegen war – Cateia genannt. Eine Herrscherin, die mich als ihre Tochter ausgeben wollte, nannte mich Baribasca und auf unserer Flucht verwendete ich den Namen Avella … aber meistens bin ich Cateia nun.

Gut, dann, Cateia, Sie haben ja – oder bevorzugen Sie das Du? In Ihrer Zeit, der späten Eisenzeit, werden ja sogar Könige mit Du angesprochen.

Ja, wir kennen nur eine Form der Ansprache.

Also, Cateia, du besitzt ja eine besondere Gabe, die man in deiner Kultur, soweit ich weiß, sonst nur alten Frauen in manchen Augenblicken zugestand oder Druiden, die sich viele Jahre der Erforschung gewidmet hatten. Außergewöhnlich also, diese Gabe bei einer jungen Frau zu finden. Wie kam es dazu?

Wie es dazu kam, weiß ich nicht – es war einfach da. Schon die Schwester meiner Muttermutter konnte, so wie ich, Tote sehen. Also nicht die Leichname, das wäre ja nichts Besonderes, sondern jene Toten, die den Weg in die Anderswelt nicht gefunden haben und nun festhängen zwischen den Welten.

Ich stelle mir den Kontakt mit solchen – Wesen durchaus spannend vor.

(Sie lacht) Nicht mehr oder weniger spannend als mit lebenden Menschen. Sie haben alle verschiedene Bedürfnisse und ja, manche können sehr fordernd sein, während die Wünsche anderer leicht zu erfüllen sind, um ihnen den Weg in die Anderswelt zu ermöglichen.

Du bist aber nicht nur Schattenseherin, sondern auch abgesehen davon in einem sehr ungewöhnlichen Beruf ausgebildet worden.

In manchen Stämmen mag es ungewöhnlich sein, dass Frauen Kriegerinnen werden, in meinem nicht. Zumal ich meine Ausbildung ja noch begann, als ich Iorco war, also für einen Burschen gehalten wurde.

Ist das nicht gerade als Schattenseherin herausfordernd – ich meine, du bist ja wohl an dem einen oder anderen Toten, den du sehen kannst, selbst schuld, sozusagen.

(Sie zögert einen Augenblick) Die Zahl der Toten, die auf einem Schlachtfeld etwas von mir will, wenn sie entdecken, dass ich sie sehen kann, ist … überwältigend. Es war der Grund, warum ich aus meiner ersten großen Schlacht geflohen bin und all meine Abenteuer erst begannen … Aber wenn die Frage ist, mein Leben oder seines, dann werde ich stets meines wählen. In meiner Kultur, da fürchten wir den Tod nicht. Wer hier stirbt, wird im selben Augenblick in der Anderswelt wiedergeboren – wenn er nicht aus irgendwelchen Gründen hier hängenbleibt. Dort lebt man ein gutes Leben, nicht viel anders als hier, und wenn man in der Anderswelt stirbt, so kommt man hier wieder auf die Welt, ein ewiger Kreislauf. (sie lächelt) Das war einer der Gründe, warum die Kelten so gefürchtete Krieger waren, denn wer den Tod nicht fürchtet, ist mutiger im Kampf.

Wie geht dein Umfeld damit um, dass du eine Kriegerin bist, die Tote sehen kann?

Niemand weiß es. Seit meiner Flucht muss ich meine Herkunft geheim halten, will ich in Sicherheit sein. Und meine Gabe – ich habe sie nie verraten, um nicht für verrückt gehalten zu werden. Beides macht mein Leben fordernd, muss ich sagen, aber ich werde mich nicht unterkriegen lassen.

Dann fühlen wir uns sehr geehrt, dass du dein Geheimnis mit uns teilst.

(Sie lacht) Zweitausend Jahre zeitliche Distanz machen es einfacher, darüber zu reden. Bis in deiner Zeit jemand darüber liest, bin ich schon viele, viele Male von einer der Welten in die andere gewechselt. Und ich wüsste nicht, wie einer deiner Leser mein Geheimnis einem derer verraten könnte, die hier in der Eisenzeit mein Leben bedrohen.

Wir werden stillschweigen und wünschen dir alles Gute!

Mögen die Götter mit dir sein!


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