Ein römischer Legionär nimmt sich Zeit

Stefan Zehetner, folgend als SZ bezeichnet, ist heute in einer anderen, für ihn etwas ungewohnten Rolle unterwegs. Der Protagonist seiner historischen Romanreihe „Primus inter Pares“ hat einem Interview mit ihm zugestimmt. Kein geringerer als der Ich-Erzähler Lucius Minicius Honoratus, Signifer der Legio X Gemina, folgend als LMH bezeichnet.

SZ

Hallo und herzlich willkommen! Freut mich sehr, dass wir uns mal persönlich kennenlernen. Schön, dass du dir die Zeit genommen hast. Ich kann mir vorstellen, dass gerade viel los ist bei euch, geht es doch drunter und drüber an der Wende zum dritten Jahrhundert nach Christus.

LMH

Ich weiß jetzt zwar nicht ganz, wovon du da sprichst, von einem dritten Jahrhundert habe ich noch nie gehört. Von so einem Christus zwar schon, denn der wird ja von so manchen Menschen als Gott verehrt. Na egal. Salve! Soll es mich auch freuen, hier zu sein.

SZ

Ach ja, tut mir leid, ihr Römer rechnet ja etwas anders. Ich sollte wohl sagen: An den Nonen des Ianuarius im Jahre der Konsuln Titus Sextius Magius Lateranus und Lucius Cuspius Rufinus.

LMH

Heißt der nicht Gaius Cuspius Rufinus? Aber Namen konnte ich mir noch nie wirklich gut merken. Meistens vergesse ich Namen gleich in dem Moment, wo ich sie gehört habe.

SZ

Ja, dein Namensgedächtnis ist mir ein Begriff. Was den betreffenden Konsul angeht gibt es tatsächlich Quellen in welchen er als Lucius und solche in welchen er als Gaius aufscheint. Aber lass‘ uns doch lieber in medias res gehen, wie ihr Römer es zu sagen pflegt, und mit dem Interview beginnen.

LMH

Gerne, auch wenn ich schon die ganze Zeit darüber nachgrüble, was so ein Interview, oder wie das heißt, eigentlich sein soll.

SZ

Da werden einer Person Fragen gestellt zu allen möglichen Dingen. Deren Leben, deren Wirken, deren Interessen, oder was auch immer.

LMH

Und wenn die Person nicht antwortet, wird sie gefoltert.

SZ

Nein. Das ist etwas anderes. Bei einem Interview erzwingt man nichts. Das ist einfach ein freies Erzählen.

LMH

Und das soll interessant sein?

SZ

Ja! Wenn die richtigen Fragen gestellt werden und die befragte Person die richtigen Schwänke aus ihrem Leben berichtet, dann kann das schon sehr interessant und womöglich amüsant werden.

LMH

Ja, das scheint mir auch so. Schon allein dieses Wort, dieses Interview, ist schon amüsant. Das spricht man nämlich ganz anders aus, als man es niederschreibt, habe ich gesehen. Wenn das kein Schwachsinn oder ein Fehler ist, dann muss es lustig sein.

SZ

Nun ja, das nenne man bei uns Anglizismen. Wörter, die aus dem Englischen kommen, werden in die eigene Sprache integriert. Das machen wir auch mit dem Latein. Ich habe vorher nicht umsonst gesagt: in medias res.

LMH

Latein kann ich ja noch nachvollziehen, aber was dieses Englisch ist, da komme ich wieder mal nicht mit. Oder ist das auch was Lustiges?

SZ

Englisch ist, wenn die Wikinger Latein lernen, um den Kelten in Britannien eine Frage zu stellen und diese auf Französisch antworten.

LMH

Willst du mich verscheißern? Wovon sprichst du bitte?

SZ

Die Erklärung würde jetzt zu lange dauern, lassen wir das. Erzähle uns doch mal was über dich.

LMH

Was soll ich denn erzählen?

SZ

Erzähle doch einfach mal, wer du bist und wo du herkommst.

LMH

Na gut. Wenn du meinst, dass das interessant ist. Mein Name ist Lucius Minicius Honoratus, wie man schon mitbekommen haben wird. Sohn des Lucius. Wahlberechtigt im Bezirk Voltina. Geboren und aufgewachsen bin ich in Lugdunum, der Provinzhauptstadt der Gallia Lugdunensis und Standort der Ara trium Galliarum.

SZ

Klingt fast so, als wärest du kein „richtiger“ Gallier.

LMH

Nun, vielleicht zum Teil. Mein Geschlecht, die Gens Minicia, entstammte eigentlich einer plebeiischen Familie des frühen Roms. Und seit der Zeit des Kaisers Claudius stellten wir sogar Konsuln. Vor vielen Jahren ist ein Teil unserer Familie dann nach Lugdunum ausgewandert, wo einer sogar Statthalter gewesen sein soll. Angeblich stammen wir genau von dem ab.

SZ

Siehst du, das ist interessant.

LMH

Wenn du meinst.

SZ

Weißt du noch, wann genau du geboren wurdest?

LMH

Du kannst Fragen stellen. Lass‘ mich mal nachdenken. Es soll im Jahr der Konsuln Bradua und Varus gewesen sein. (160 n. Chr. Anm. d. Red.) Irgendwann um die Iden des Septembers. (Um den 13. Sept., Anm. d. Red.)

SZ

Und ich dachte mir, du kannst dir Namen nicht gut merken.

LMH

Wenn ich was angestellt hatte, dann warf mein Vater meiner Mutter immer wieder vor, welches Unheil sie unter Bradua und Varus über die Familie gebracht hätte.

SZ

Ich weiß nicht, ob ich das witzig oder tragisch nennen sollte. Übrigens bin ich auch um die Iden des Septembers geboren. Am fünfzehnten. Einige Jahre nach dir natürlich.

LMH

Na, so ein Zufall. Bei mir soll’s auch der fünfzehnte gewesen sein. Wie sowas zustande kommen kann?

SZ

Zyniker bin ich auch.

LMH

Verzeihung, aber der musste sein.

SZ

Ich habe auch gelesen, du bist bei Irenäus von Smyrna zur Schule gegangen.

LMH

Eirenaios, ja so nannte er sich. Und dass er aus Smyrna stammte, das behauptete er jedenfalls. Das liegt in der Provinz Asia. Weshalb er von dort wegging, um nach Lugdunum zu kommen, das weiß ich aber nicht. Als Kinder sagten wir immer, er sei nur deshalb gekommen, um uns mit seinen Hausaufgaben zu ärgern.

SZ

Du weißt, dass er Christ ist?

LMH

Ich habe gewusst, dass er sich mit deren Lehre auseinandergesetzt hat. Dass er selbst so einer ist, weiß ich aber wirklich erst seit Kurzem. Ich habe von einer sehr netten Dame erfahren, dass er so ein Bischof, oder wie das bei denen heißt, sein soll. Das soll sowas ähnliches wie ein Priester sein. Als Kind waren mir solche Dinge eigentlich egal. Und wenn ich ehrlich bin, sind sie es mir jetzt nach wie vor.

SZ

Er hat euch also vom Christentum erzählt?

LMH

Vielleicht hat er das. Ich weiß ja nicht wirklich darüber Bescheid, also hätte er mir vieles erzählen können. Außerdem, so ein braver Schüler, dass ich mir alles gemerkt hätte, war ich ohnehin nicht. Aber lassen wir das mit den Religionen. Man kann sich mit so mancher nämlich ziemlichen Ärger einhandeln.

SZ

Wie du willst. Du sagtest, du warst kein braver Schüler, hat es da nicht gelegentlich Schläge gegeben?

LMH

Sagen wir mal so, man darf sich nicht immer erwischen lassen, wenn man faul ist, sonst kam unter Bradua und Varus wieder Unheil über die Familie.

SZ

Wenn du zu dem Zeitpunkt geboren wurdes, den du erwähntest, dann musst du die schwere Pandemie zur Zeit der Kaiser Marcus Aurelius Antoninus und Commodus miterlebt haben.

LMH

Oh ja, das habe ich in der Tat. Die schwarzen Ausschläge. Die kranken Menschen im Todeskampf. Kein schöner Anblick. Und man wusste nie, wen es als nächstes treffen würde.

SZ

Wie hat man damals auf die Krankheit reagiert?

LMH

Als Kinder wurden wir so gut es ging abgeschirmt. Wir durften kaum auf die Straße, damit wir zum einen nicht die Leichen sehen mussten, und zum anderen eventuell in Kontakt mit ansteckenden Personen kamen. Der Statthalter ließ damals die Subura in Lugdunum absperren. Sie liegt auf einer Insel am Zusammenfluss unserer Flüsse Rhodanus und Arar (Rhône und Saône, Anm. d. Red.) Alle Neuankömmlinge mussten zuerst in diesen Stadtteil gehen und durften diesen nicht verlassen, bis man feststellte, dass von ihnen keine Gefahr ausging.

SZ

Das war ein Vorgehen, wie auch ich es noch kenne. Ich denke, dass Lugdunum von vielen Menschen frequentiert wurde. Immerhin ist es ja auch der Sitz der größten Münzprägestätte des Imperiums.

LMH

Du bist gut informiert.

SZ

Ich bin Historiker.

LMH

Ah. Sowas wie Herodot, Livius, Tacitus und Sueton. Oder gar dieser Jude, wie hieß er noch? Iosephus.

SZ

Hast du sie gelesen?

LMH

Teilweise. Ich musste. Mein Lehrer, dieser Eirenaios, wollte es ja so. Einige Stellen musste ich sogar auswendig lernen, wenn ich mal wieder unter Bradua und Varus Unheil über die Familie brachte, und vergessen hatte, meine Hausaufgaben zu erledigen.

SZ

Hast du die Schule lange besucht? Ich weiß, dass ihr Römer zunächst mal zwischen sieben und zehn Jahre zur Schule gingt. Dann aber teilte es sich auf. Viele mussten mit zehn Jahren schon Arbeiten.

LMH

Nun, mein Vater wollte damals, dass ich weiter zur Schule ging und hat Eirenaios gebeten, mich weiter zu unterreichten. Ich habe aber auch schon gearbeitet. Ich war also nicht mehr Vollzeitschüler, wenn man so will.

SZ

Was hast du gearbeitet?

LMH

Ich habe ins Geschäft meines Vaters hinein geschnuppert. Der war mit dieser Münzprägestätte, die du schon erwähntest, verbandelt.

SZ

Er war Münzpräger?

LMH

Nein, das nicht. Er kümmerte sich um den Materialnachschub. Vor allem um Silber und Bronze. Aber auch mal um Gold. Zudem besaß er ein paar Landstücke, die er von seinen Klienten bearbeiten ließ.

SZ

In der Logistik von Edelmetallen muss er eine Menge an Kontakten gehabt und Vertrauen genossen haben.

LMH

Allerdings.

SZ

Du hättest ohne weiteres seinen Betrieb übernehmen können. Warum hast du dich entschlossen, in der Armee zu dienen?

LMH

Also aus patriotischer Gesinnung sicher nicht. Es war eher das Abenteuer, das uns lockte.

SZ

Uns?

LMH

Publius Cornelius Lynceus, der Sohn des Langzeitbürgermeisters, der das gleiche Cognomen trug, wie der Aquilifer in der zehnten Legion und immer wieder damit angab, dass er mit Scipio Africanus verwandt sei, Quintus Claudius Venator, dessen Vater eine Metzgerei hatte, und ich.

SZ

Das war also deine Gang.

LMH

Meine was?

SZ

Nun, wie man so schön sagt, eine Gruppe junger, zumeist halbstarker Männer, die ihre Pubertät ausleben.

LMH

Mag so sein. Allerdings würde ich das Wort „halbstark“ nicht für Venator verwenden. Der hat sein Leben lang Schweinehälften geschleppt. Und gegessen. Der zerreißt einen Markomannen mit seinen bloßen Händen.

SZ

Du sagtest, du gingst aus Abenteuerlust zur Armee. Wie darf ich das verstehen?

LMH

Die Armee führte damals praktisch jährlich Aushebungen durch. Wegen der Markomannenkriege unter Antoninus und Commodus, sowie wegen dieser Krankheit war die Armee etwas in Personalnot. Man benötigte Nachschub.

SZ

Dann war es aber nicht ganz freiwillig, wenn auch das Abenteuer lockte.

LMH

Nun, ja und nein. Die Armee ließ verlautbaren, dass sich die Männer zwischen 18 und 23 Jahren bei der Musterung, die damals im Amphitheater bei der Ara trium Galliarum stattfand, einfinden sollten. Wir hätten uns locker drücken können, indem wir einfach sagen hätten müssen, dass wir jünger oder älter seien. Wenn uns aber jemand draufgekommen wäre oder uns gar verpetzt hätte, dann wären wir nicht so gut davongekommen. Also haben wir uns gesagt, wir gehen einfach hin und melden uns freiwillig. Es gab da nämlich so ein Gerücht, dass man sich seinen Standort aussuchen dürfe, wenn man sich freiwillig meldete. Das war aber, wie gesagt, nur ein Gerücht, wie sich dann herausstellte.

SZ

Verstehe. Ägypten wäre da an erster Stelle für mich gelegen.

LMH

Ich kenne Ägypten aus meiner Armeezeit. So wunderbar, wie alle glauben, ist das gar nicht. Sehr heiß, sehr staubig und sehr altmodisch. Außerdem, so dumm wäre selbst die Armee nicht gewesen. Ich meine, Ägypten liegt auf der anderen Seite der Welt. Allein was die Reise gekostet hätte. Die wurde ja von der Armee mit einem Viaticum (Weggeld, Anm. d. Red.) bezahlt. Nein, auf die andere Seite der Welt schicken sie dich nicht. Zumindest nicht sofort.

SZ

So wurde es dann Vindobona. (Wien, Anm. d. Red.)

LMH

Ja, auch noch weit genug weg.

SZ

Bleiben wir noch etwas bei der Musterung. Mich interessiert sehr, wie das in römischer Zeit ablief.

LMH

Das geht erstaunlicherweise schnell. Gut, so viel Zeit haben die auch nicht und wenn sie sich um jeden einzelnen ganz genau bemühen, dann brauchen sie Monate. Alles beginnt mal mit einem Gespräch an einem kleinen Klapptisch. Da wird man von extra dafür abgestellten Soldaten ausgefragt. So wie von dir im Moment eigentlich. Man muss seinen Namen nennen, seinen Beruf, die Schulbildung. Alles muss offengelegt werden. Selbst, ob man einen Sklaven hat oder Brüder.

SZ

Warum sind gerade Sklaven und Brüder so wichtig?

LMH

Sklaven, männliche Sklaven, welche man nicht vorab freilässt, verleibt sich die Armee nur zu gerne ein, weil man auch Dienstpersonal für die Stallungen oder Diener für die Offiziere braucht. Was genau die Brüder betrifft, so hat das einen wirtschaftlichen Hintergrund. Wenn dein Vater nur einen Sohn hat, weil es vielleicht mal so ist, oder die anderen bereits verstorben sind, so kann dies ein Grund sein, dass man dessen Sohn aus dem Armeedienst befreit. Er wird zu Hause benötigt, um seine Familie zu versorgen.

SZ

Und du hast einen Bruder?

LMH

Ich habe einen Bruder und eine Schwester. Wirtschaftlich gesehen war ich damit schon mal tauglich.

SZ

Aber wirtschaftliche Belange machen noch keinen Soldaten. Wie ging es dann weiter bei der Musterung?

LMH

Dann folgt eine medizinische Begutachtung. Da geht es vor allem um den Körperbau. Ob man auch in der Lage ist, die schwere Ausrüstung zu tragen. Ob man vielleicht humpelt oder mit seinen Händen nichts halten kann. Die Zähne werden angeschaut, weil man dadurch angeblich auf den Knochenbau schließen kann. Ob die Augen gut funktionieren, wird ebenfalls geprüft. Mit Zahlen und Buchstaben auf Holztafeln, die immer kleiner werden. Am Ende sitzt man dann wieder am Tisch, muss beweisen, dass man lesen und schreiben kann, und bekommt eine Art Vertrag ausgehändigt. Oder eben nicht.

SZ

Und dieser Vertrag besagt was?

LMH

Dort wird festgehalten, dass man tauglich ist und für welchen Werdegang man geeignet erscheint.

SZ

Für welchen Werdegang man geeignet erscheint? Du meinst, man weiß schon bei seiner Musterung, welchen Rang oder welchen Posten man mal erreichen wird?

LMH

Na klar. Das fängt ja schon mal mit der Gattung der Truppe an. Als römischer Bürger kann man damit rechnen in einer Legion zu dienen. Zwanzig Jahre lang. Das steht auch so im Vertrag. Männer ohne römisches Bürgerrecht, die dürfen nur in den Auxilia dienen. Für fünfundzwanzig Jahre. Und wenn’s ganz blöd läuft, dann dient man sechsundzwanzig Jahre in der Marine. Wenn man was mitbringt, irgendeinen speziellen Beruf oder Kontakte, dann wird auch schon mal ein möglicher Werdegang skizziert.

SZ

Da hast du sicher gute Karten gehabt, nehme ich an. Römischer Bürger. Eine höhere Schulbildung. Logistiker. Kontakte. Grundbesitzer. Bruder.

LMH

Das hat der Soldat am Tisch damals auch gesagt. Er meinte, ich solle davon ausgehen, in ein paar Jahren Karriere in einer Legion zu machen. Ob ich auch für das Amt des Centurios tauge, davon sagte er nichts.

SZ

Ich will ja jetzt nicht zu altklug auftreten, aber für die Ernennung zum Centurio hast du doch schon etwas zu viele Dienstjahre auf dem Buckel.

LMH

Nun, das ist eigentlich egal. Wenn der Kaiser wünscht, dass man Centurio werden soll, dann kann man es auch noch nach zwanzig Jahren werden. Aber klar, die Möglichkeit schwindet. Normalerweise wird man nach dreizehn bis fünfzehn Dienstjahren zum Centurio ernannt. Es sei denn, man gehört zu den Rittern, die Geld machen wollen und ihren Status zugunsten eines Dienstes in der Legion opfern. Diese können schon von Beginn ihrer Armeezeit als Centurio dienen.

SZ

Gilt ein Centurio seit der Zeit des Kaisers Lucius Septimius Severus nicht auch als Ritter?

LMH

Ja, da hat es in den letzten Jahren einige Erneuerungen gegeben. Ich habe mich damit noch nicht näher auseinandergesetzt.

SZ

Wolltest du eigentlich mal Centurio werden?

LMH

Ich weiß nicht. Ist mir irgendwie zu viel Verantwortung.

SZ

Kannst du uns noch etwas über deine Armeekarriere erzählen? Du kamst ja nach Vindobona. Warum eigentlich genau dorthin? Und wie ging es dort weiter?

LMH

Stimmt, ich musste nach Vindobona. In die Legio decima Gemina. Eine Truppe mit Geschichte, diente sie doch schon unter Gaius Iulius Caesar im Gallischen Krieg. Der Soldat am Tisch hatte es mir damals direkt mitgeteilt. Der Grund weshalb genau dorthin, war simpel. In dieser Region fehlten besonders viele Leute. Zuerst die Krankheit und dann die Kämpfe mit den Markomannen und den anderen germanischen Stämmen. Da müssen die Reihen wieder aufgefüllt werden. Ich erinnere mich noch, dass ich damals gar nicht wusste, wo Vindobona eigentlich lag. Ich hatte gedacht, an den Rhenus (Rhein, Anm. d. Red.) versetzt zu werden. Nach Mogontiacum oder Bonna (Mainz oder Bonn, Anm. d. Red.). Ich fragte mein Gegenüber bei der Rekrutierung sogar, wie ich nach Vindobona kommen solle. Das hätte ich besser bleiben lassen. Der Soldat verspottete mich und äffte mich an, dass er mir eine Sänfte besorgen könne. Dann hat er geschnaubt und gemeint, dass es ihm scheißegal sei, wie ich dorthin komme. Ich solle mir mein Viaticum an der Geldausgabe abholen und zusehen, dass ich an den Kalenden des Oktobers des betreffenden Jahres dort sei.

SZ

Und du hast es rechtzeitig geschafft?

LMH

Ja, habe ich. Dank eines Kontaktes meines Vaters, der mich nach Vindobona begleitete.

SZ

Und dann warst du also Soldat.

LMH

So schnell geht’s nicht. Zunächst war ich vier Monate lang als Tiro (Rekrut, Anm. d. Red.) beschäftigt. Das war eine harte Zeit. Zwei Mal Drill pro Tag, drei Stunden am Vormittag, drei Stunden am Nachmittag. Mindestens zwei Mal pro Woche Alarm in der Nacht. Das Lager durfte ich in dieser Zeit nicht verlassen, was mir aber egal war, denn ich war ohnehin zu müde. In dieser Zeit waren wir dem Primus Pilus unterstellt, der uns auf Vordermann zu bringen gedachte.

SZ

Kannst du uns so einen Drill beschreiben?

LMH

Das kam immer auf das jeweilige Training an. Wir mussten Laufen, Springen und Schwimmen. Daneben gab es das Waffentraining, das wir mit geflochtenen Schilden, Holzschwertern und Übungs-Pila übten. Diese Waffen waren doppelt so schwer, wie die richtigen und sollten uns lehren, sie mit Kraft zu gebrauchen, ohne uns, zumindest nicht tödlich, zu verletzen. Besonders viel Wert gelegt wurde auf das Exerzieren. Dabei war es vor allem wichtig, schnell aus einer Marschformation in eine Kampfformation zu wechseln. Das funktionierte am Anfang ganz und gar nicht. Der Primus Pilus brüllte sich die Seele aus dem Leib und schlug nicht einmal zu. Als wir den Dreh schließlich raushatten, übten wir dann die einzelnen Kampfformationen. Fulcrum, Testudo, das Werfen der Pila mit anschließendem Nahkampf, das Öffnen und Schließen der Formation, die Abwehr von berittenen Truppen und noch einiges mehr.

SZ

Klingt nach Dauerbeschäftigung.

LMH

Ja, und dabei war das noch gar nicht alles. Wir wurden in die Wachlisten eingetragen und mussten immer wieder Wache schieben. Wir mussten die Unterkünfte sauber halten und nicht nur diese. Das Lagerbad, die Latrinen, die Magazine und Bauhöfe, die Straßen und Säulengänge, alle verlangten nach Sauberkeit. Daneben wurden wir angehalten, uns weiterzubilden. Wir mussten ja auch lernen, wie man Anträge einreicht und diese formuliert. Man möchte ja vielleicht mal auf Urlaub gehen oder braucht sonst mal was von einem höheren Offizier. Außerdem wurde es gerne gesehen, wenn wir Eigeninitiative zeigten und uns für offene Stellen bewarben.

SZ

Das ist ja spannend, das widerspricht ja eigentlich jedweder Militärstruktur. Ich meine Urlaub? In euren Zeiten? Und Bewerbungen für diverse Positionen?

LMH

Als Soldat in der Armee des Kaisers stehen einem drei Wochen Urlaub pro Jahr zu. Und diese versucht man zu nutzen. Bei den Bewerbungen hilft natürlich die Musterungsvorgabe und ein oder mehrere Empfehlungsschreiben.

SZ

Hast du auch so eins bekommen?

LMH

Ja, von meinem damaligen Centurio, dem ich nach den vier Monaten Grundausbildung zugewiesen wurde. Seneca hieß er. Wie der Philosoph. Und irgendwie war er das auch. Auf seine eigene Art und Weise. Er hatte mich damals beobachtet und gesehen, dass ich meinen Kameraden immer dabei half, wenn sie beim Schreiben ihrer Anträge oder Bewerbungen Schwierigkeiten hatten. Centurio Seneca schlug mich sofort für einen Posten eines Librarius im Statthalterbüro vor. Und diesen Posten bekam ich dann tatsächlich.

SZ

Dafür musstest du dann nach Carnuntum, nicht wahr?

LMH

Ja, nachdem der Statthalter dort seinen Sitz hat, war ich als Librarius im Statthalterbüro natürlich auch in Carnuntum. Das war eine schöne Zeit. Nicht nur, weil ich zum ersten Mal in meinem Leben eine geregelte Arbeitszeit hatte. Wache schieben oder gar die Latrinen putzen, das brauchte ich in dieser Position nicht mehr. Zudem war Carnuntum eine wahre Weltstadt. Eine Weltstadt am Limes, das muss man sich mal vorstellen. Sie war groß. Konnte durchaus mit Lugdunum konkurrieren.

SZ

Wäre das nicht auch ein guter Zeitpunkt gewesen, eine Familie zu gründen?

LMH

Vielleicht. Allerdings gibt es bei der Armee so eine Bestimmung, dass man nicht heiraten darf, bevor man seinen Dienst quittiert. Davor darf man nur in wilder Ehe zusammenleben.

SZ

Soweit ich informiert bin, kümmerte dies niemanden.

LMH

Stimmt. Aber es ist eine wunderbare Ausrede.

SZ

Die sollte doch auch schon unwichtig geworden sein. Die Frau des Kaisers Severus, Iulia Domna, die hat doch dafür gesorgt, dass dieses unnötige Eheverbot endlich gekippt wurde.

LMH

Ja, es hat sich aber nichts großartig geändert dadurch. Wer eine Frau hatte, hatte sie davor genauso wie danach.

SZ

Ich sehe, du wolltest dich nicht wirklich binden.

LMH

Was auch immer. Das wird mir jetzt zu persönlich. Darüber will ich nicht sprechen.

SZ

Schade. Einige Jahre später warst du ja sehr nahe dran. Und das gleich zwei Mal.

LMH

Avita und Castanea lassen wir hier weg. Ich möchte nichts sagen, was ich eventuelle bereuen könnte.

SZ

Alles klar. Kein Problem. Lass‘ uns bei der Armee bleiben. Du bist einige Jahre als Librarius in Carnuntum gewesen. Das war aber nicht der einzige Posten, den du innehattest.

LMH

Nein, ich wurde zum Frumentarius ernannt.

SZ

Was bedeutet das genau?

LMH

Dass ich sogar in Rom selbst gedient habe und viel vom Imperium sehen konnte. Sogar nach Ägypten kam ich.

SZ

Was genau hat dich zu deinen Reisen durch das Imperium gebracht?

LMH

Eine der Hauptaufgaben der Frumentarii ist das Nachrichtenwesen. Wir bringen Amtskorrespondenzen von einem Teil der Welt in einen anderen.

SZ

Ich habe gelesen, dass das nicht alles ist, was die Frumentarii so machen.

LMH

Früher waren sie mal für den Getreidenachschub verantwortlich, aber das ist schon lange her.

SZ

Ich meinte etwas anderes. Sind Frumentarii nicht auch als Spitzel oder gar Attentäter tätig?

LMH

Man liest so einiges über die Frumentarii.

SZ

Ist es nicht so, dass Frumentarii ungewünschte Personen auf Geheiß des Kaisers eliminieren? Angeblich trugen sie stets Gift bei sich. Ein Dolch hätte es wohl auch getan, hieß es.

LMH

Daran erinnere ich mich nicht.

SZ

Du erinnerst dich nicht daran, ob du Gift dabeihattest?

LMH

Nein, daran erinnere ich mich nicht.

SZ

Ich sehe schon, Geheimhaltung.

LMH

Möglicherweise.

SZ

Na gut. Was hast du weiters gemacht?

LMH

Lustigerweise war ich nur für zwei Jahre Frumentarius. Ich war für dieses Amt offenbar nicht so gut geeignet. Also wurde ich wieder in die Legion nach Vindobona zurückbeordert und durfte dort als Optio dienen. Das war der Stellvertreter eines Centurios in dessen Zenturie. War eine saublöde Arbeit. Man ist dabei für die Wacheinteilung und die Kontrolle der Wachen zuständig, was bedeutet, dass man sich immer wieder ein bis zwei Nächte pro Woche um die Ohren schlagen kann, weil man die Wachen an deren Posten kontrollieren muss. Und das alles muss natürlich auch fein säuberlich festgehalten werden. Es leben des Kaisers Bürokraten!

SZ

Da war es ja sicher eine Freude, als du noch eine Stufe nach oben steigen durftest, um Signifer zu werden.

LMH

Ja, wem ich das zu verdanken habe, weiß ich nicht. Es ist eine Position mit Verantwortung, welche ich ja nicht sonderlich mag. Aber zumindest hat man keine Funktion im eigentlichen Kommando, auch wenn man im Rang über dem Optio steht.

SZ

Ist es nicht so, dass man als Signifer nicht nur das Feldzeichen der Zenturie tragen darf, sondern auch noch weiteres zu tun bekommt? Erzähle uns doch darüber, was das genau ist?

LMH

Ja, das Feldzeichen in die Schlacht zu tragen, ist nur ein wunderbares Privileg. Vor allem deshalb, weil man immer gleich das erste Ziel darstellt. Aber noch viel wichtiger ist, dass man als Signifer für das Depositum militaris verantwortlich zeichnet.

SZ

Was ist das genau?

LMH

Auf den einfachsten Nenner gebracht, handelt es sich dabei um den Sold der Soldaten in der Zenturie. Jeder Soldat erhält drei Mal pro Jahr ein Stipendium. Mit diesem wurde der jeweilige Soldat bis vor kurzem auch versorgt, was bedeutet, dass das Geld für Nahrungsmittel, die der Soldat schon verzehrt hatte, abgezogen wurde. Auch für Ausrüstungsgegenstände oder neue Kleidung wird Geld aus dem Stipendium einbehalten. Den Rest der übrig bleibt, kann der Soldat in seine Spardose geben, die beim Signifer steht. Mit anderen Worten, als Signifer muss man die Gelder beantragen, die benötigt werden, um die Soldaten seiner Zenturie zu bezahlen. Dann muss man sich ansehen, was der Soldat in den vier Monaten bereits verbraucht hat, und dieses abziehen. Möchte er noch etwas in eine Sterbekasse einzahlen oder für die Götter opfern, so muss er das dem Signifer mitteilen, der dies in seine Soldliste einträgt. Am Ende listet der Signifer alle Einnahmen und Ausgaben auf, um es vor dem Soldaten bezeugen zu können. Am Ende der Liste steht, was der Soldat noch übrig hat und wie viel er noch vom letzten Stipedium in seiner Spardose hat. Mehr als zweihundertfünfzig Denare dürfen dort übrigens nie drin sein. Das hat Kaiser Domitianus damals so vorgeschrieben, als er den Sold erhöhte. Hat der Soldat mehr Ersparnisse, wird ihm das überzählige Gelt also ausgehändigt. Damit darf er tun, was er will. In den letzten Jahren sind wir übrigens dazu übergegangen, die Nahrungsmittelversorgung aus der Soldabrechnung herauszunehmen. Das nennt sich Annona militaris, womit die Nahrungsmittel also als Naturalsold gelten. Für diese sind nun der Primus Pilus und der Actarius zuständig.

SZ

Klingt ja sehr kompliziert, aber du scheinst dich auszukennen.

LMH

Das schönste an dieser Arbeit ist, dass man sie alleine tun kann und einem kein Mensch auf die Nerven geht.

SZ

Apropos allein machen. Ich habe mich mit den Tätigkeiten der Signiferi als Historiker auseinandergesetzt und wurde auf ein Dekret eines Praefectus Alexandriae et Aegypti aufmerksam, der veranlasste, dass Signiferi, welche Steuergelder des Kaisers missbräuchlich verwendeten, aus ihrem Posten entfernt werden sollten. Offensichtlich gab es da welche, die mehr Geld für ihre Zenturie anforderten, als notwendig war. Der Überschuss wanderte dann eben in die Tasche des jeweiligen Signifers.

LMH

Schwarze Schafe gibt es überall.

SZ

Du hast also noch nie Gelder veruntreut?

LMH

Nein.

SZ

Die Antwort kam jetzt irgendwie zu schnell.

LMH

Du musst auch nicht alles wissen.

SZ

Lassen wir das mal so im Raum stehen. Ich habe gehört, dass du sogar zum Aquilifer vorgeschlagen wurdest. Du bist es allerdings nicht geworden. Wieso nicht?

LMH

Woher weißt du das?

SZ

Nun, man hat so seine Quellen.

LMH

Ja, stimmt. Ich hätte Aquilifer werden können. Und ja, ich wurde auch vorgeschlagen und den Tribunen schmackhaft gemacht. Mit einem von diesen gab’s da aber ein kleines Problem. Der hat sein Veto eingelegt.

SZ

Aus welchem Grund? Weißt du das?

LMH

Allerdings weiß ich es. Ich habe ihm die Nase blutig geschlagen.

SZ

Was? Da ist es ja ein Wunder, dass du überhaupt noch am Leben bist.

LMH

Centurio Hospes hat mir aus der Scheiße geholfen. Und mehr möchte ich darüber auch nicht sagen.

SZ

Gut. Darauf war ich ohnehin nicht gefasst. Gehen wir lieber in eine andere Richtung. Du hast ja, aus nächster Nähe will man fast sagen, die Machtübernahme von Lucius Septimius Severus erlebt. Wie ging es dir damit?

LMH

Nun ja, das ist nicht uninteressant, wenn der Statthalter, dein Vorgesetzter, plötzlich Kaiser sein möchte.

SZ

Ich habe mich schon immer gefragt, wie das sein muss, vor allem in euren Zeiten. Die meisten Menschen bekommen den Kaiser ja nie im Leben zu Gesicht. Wenn sie in den Provinzen leben, kennen sie diesen bestenfalls vom Hörensagen. Oder den Bildern auf Münzen. Ich kann mir vorstellen, dass das dann aufregend sein muss, so einem mal persönlich begegnen zu dürfen.

LMH

Severus war nicht der erste Kaiser, dem ich begegnete. Ich war ja Frumentarius und habe daher Commodus in Rom kennengelernt. Aber es stimmt, es ist aufregend. Ich meine, einem lebenden Gott begegnet man nicht alle Tage.

SZ

Bei Severus war das anfänglich ja gar nicht so sicher. Er hatte Widerstände zu überwinden.

LMH

Stimmt. Und auch wir, von der zehnten Legion, haben uns nicht wirklich mit Ruhm bekleckert. Wollten wir den damals noch neuen Kaiser ja sogar festnehmen.

SZ

Wie bitte?

LMH

Das war nicht meine Idee. Hospes, der Centurio unter dem ich damals in dieser Garnison im Süden der Provinz diente, Vicus Pullus Equinus (Lutzmannsburg-Strebersdorf, Anm. d. Red.) nannten wir sie, meinte, er müsse den Statthalter festnehmen, als dieser in Savaria (Szombathely, Anm. d. Red.) gerade Recht sprach und sich durch die Vorgänge in Rom dazu veranlasst sah, ins Geschehen einzugreifen.

SZ

Wie seid ihr damit davongekommen?

LMH

Damals schaffte ich es, den Centurio aus der Scheiße zu ziehen.

SZ

Ich wusste ja, bei dir erfährt man sehr viel Spannendes. Was ich mich schon immer gefragt habe, Severus wurde sehr rasch zum Kaiser ernannt. Nur zehn Tage nach dem Tod des Kaisers Pertinax und nur neun Tage nach der Ernennung dessen Nachfolgers Didius Iulianus.

LMH

Ja. Und?

SZ

Das ist doch eine sehr kurze Zeit für die damaligen Verhältnisse. Benötigte man doch mindestens zwanzig Tage, um von Rom nach Savaria zu gelangen. Eine offizielle Bestätigung über Pertinax und Iulianus dürfte noch nicht vor Ort gewesen sein, auch wenn es vielleicht Gerüchte waren. Aber selbst wenn ein Frumentarius alle Gesetze der Straßenverkehrsordnung und der Physik gebrochen hätte und es in der besagten Zeit geschafft hätte, Severus hätte seine Legions- und Auxiliarkommandanten unterrichten und sie auf seine Seite bringen müssen. All dies in nur neun Tagen?

LMH

Ich weiß jetzt nicht ganz, worauf du hinauswillst.

SZ

Kann es nicht sein, dass Severus über die Vorgänge in Rom Bescheid wusste, schon lange bevor diese geschehen waren?

LMH

Ein altes Soldatensprichwort sagt: Ich sehe nichts, ich höre nichts und ich weiß von nichts.

SZ

Ja, aber ist es nicht so, dass Severus, anders als beispielsweise Vespasian, der von den Soldaten der Legio tertia Gallica dazu gedrängt wurde, Kaiser zu werden, genau umgekehrt handelte? Herodian beschreibt es zumindest so. Er sagt sinngemäß, dass die Menschen in Pannonia zwar stark und daher ausgezeichnete Kämpfer wären, dass sie allerdings im Denken etwas langsam sind und daher nicht gleich mitbekommen, wenn sie von jemandem verleitet werden. So soll Severus seine Truppen und die Menschen Pannonias auf seine Seite gebracht haben.

LMH

Nun, diesen Herodian, wie du ihn nanntest, den kenne ich nicht. Und was er da von den Pannoniern von sich gibt, da sind so manche wirklich nicht die hellsten Öllampen am Tisch. Aber es gibt hier ja auch Menschen aus Gallien beispielsweise. Über die sagte dieser Herodian wohl nichts.

SZ

Herodian ist auch ein Historiker. Er war gerade fünfzehn Jahre alt, als Severus Kaiser wurde. Dennoch hat er viel über diese Zeit niedergeschrieben. Freilich, ob alles der Realität entsprach, das muss bei ihm immer hinterfragt werden. Aber für mich ist er eine wichtige Quelle.

LMH

Den Burschen muss ich mir mal vorknöpfen, wenn ich wieder mal nach Rom kommen sollte. Dann werde ich ihm erzählen, wie es wirklich war. Damit er es wahrheitsgemäß niederschreiben kann.

SZ

Warum schreibst du es nicht selbst nieder?

LMH

Ich? Du meinst, ich soll das niederschreiben? Wieso ich?

SZ

Na, weil du vor Ort warst und wahrscheinlich wirklich vieles weißt, was andere nicht wissen können.

LMH

Ich bin ein kleiner Signifer. Ich erfahre nicht immer alles und muss gehorchen. Ich muss das tun, was man mir sagt und meine Meinungen tunlichst für mich behalten.

SZ

Und genau das ist es, was von Wert ist erzählt zu werden.

LMH

Das ich gehorchen muss?

SZ

Nein, aber deine Gedanken, die du dir über gewisse Entwicklungen gemacht hast. Ob sie von anderen gutgeheißen werden oder nicht, ist zweitrangig. Ein Zusammenleben kann ohnehin nur im Kompromiss gelingen, der sich aus verschiedenen Meinungen ergibt.

LMH

Du hast da nicht ganz unrecht. Aber soll ich wirklich selbst was niederschreiben? Ich kann das doch gar nicht so gut, wie ein Tacitus, wie ein Sueton, oder wie ein Livius.

SZ

Das macht doch gar nichts.

LMH

Aber wer soll das denn lesen? Ich meine, all die anderen Historiker, die schrieben doch für die Senatoren.

SZ

Kaiser Severus mag die Senatoren nicht so besonders, oder?

LMH

Gutes Argument.

SZ

Worüber denkst du nach?

LMH

Du hast mich auf eine Idee gebracht. Vielleicht hast du recht. Vielleicht sollte ich mir was notieren. Ich meine, ich muss mir ohnehin schon immer die ganzen Namen notieren, damit ich diese nicht vergesse. Da kann ich noch ein paar hinzufügen. Und das, was ich von diesen weiß vielleicht auch.

SZ

Also ich werde deine Bücher lesen.

LMH

Die Historien des Honoratus. Klingt nicht schlecht.

SZ

Vorsicht, die gibt es schon. Als Historien des Tacitus. Du solltest dir einen eigenen Titel wählen. Das ist ganz besonders wichtig. Weiß ich aus eigener Erfahrung.

LMH

Da muss ich überlegen. Ach, irgendwas wird mir schon einfallen. Irgendwas mit den Kaisern muss es zu tun haben. Prägnant. Was jeder sofort erkennt.

SZ

Hallo? Ich bin auch noch da.

LMH

Tut mir leid, ich bin gerade ganz in meiner Kreativität. Wäre das alles, was du wissen wolltest? Wenn ja, dann mache ich mich gleich mal an die Arbeit und werde schnell was niederschreiben, bevor ich alles wieder vergesse.

SZ

Ach, es gäbe noch so viele Fragen. Beispielsweise wie hoch die tatsächliche Mannschaftsstärke einer Legion war und wie die Soldaten und Spezialisten in den Zenturien und Kohorten verteilt waren. Gab es ein eigenes Kommando in der Legionskohorte? Von all dem gibt es zu meiner Zeit leider gar keine Quellen mehr.

LMH

Ach, die Mannschaftszahlen, die wüsste ich auch gerne. Die ändert sich ständig. Da gehen welche in Pesnon, andere kommen hinzu. Dann werden welche abkommandiert, andere kommen wieder zurück. Und nach dem richtet sich auch das Kommando.

SZ

Verdammt, ich hätte mir so gewünscht, darüber etwas zu erfahren.

LMH

Nun ja, vielleicht schreibe ich ja was in meine Niederschriften dazu.

SZ

Da bin ich ja sehr gespannt. Aber ich fürchte, das wird wieder nur so vage gehalten werden, wie bei den anderen Schreibern. Hoffentlich nennst du dann nicht komplett abweichende Zahlen wie dieser Iosephus oder gar Vegetius.

LMH

Ich will ja auch niemanden langweilen. Aber wer ist eigentlich Vegetius?

SZ

Ach, das ist nur so ein Pferdezüchter, der meinte über die Legion etwas schreiben zu müssen. Der lebt lebt so ungefähr, circa, in etwa dreihundert Jahre nach dir.

LMH

Schön langsam wirst du mir unheimlich.

SZ

Ja, jetzt wird es makaber. Na gut. Ich möchte dich nicht länger aufhalten. Du musst ja sicher noch was für die Soldbearbeitung erledigen.

LMH

Irgendeine Ausrede fällt mir immer ein.

SZ

Dann bedanke ich mich für das Gespräch und wer weiß, vielleicht liest man dich in der Zukunft.

LMH

Vale, unheimlicher Mensch. Vielleicht sollte ich auch was über unsere Begegnung niederschreiben.


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