Interview mit Gendarm Wilhelm Koweindl

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Eine Zeitreise ins 19. Jh.

Ich saß am Waldrand und wartete.

Da sah ich ihn herankommen. Ziemlich groß und schlank, die dunkelgrüne Gendarmerie-Uniform mit dem krapproten Kragen ein bisschen abgewetzt, aber immer noch schneidig. Seinen Säbel an der Seite grüßte er mich, als wäre er sich nicht ganz sicher, wie er sich mir gegenüber verhalten sollte. Wir hatten uns zu einem Interview verabredet, aber ich war mir ziemlich sicher, dass er nicht ganz genau wusste, was da von ihm erwartet wurde. Aber nachdem ich ihn versichert hatte, dass dieses Gespräch weder seinen Ruf noch seine Karriere gefährden würde, war er bereit, mir einige Fragen zu beantworten.

Herr Koweindl, was hat Sie bewogen, den Weg eines Gendarmen einzuschlagen?

Naja, das war wohl eher Schicksal. Meine Eltern hätten gern gehabt, dass ich das Gasthaus in Thal übernehme. Aber das wollt ich nie. Mein Vater, das ist ein Wirt … so einer wollt ich nie sein. Allerweil mit den Gästen freundlich tun, und dann hinter der Budel der Tyrann. Ich hab genug Ohrfeigen eingesammelt, dass ich froh war, wie ich weggekommen bin. Ich bin zuerst zum Militär gegangen, Infanterie, weil bei der Kavallerie sind ohnehin nur die adeligen Bürscherl und die, die sich für was Besseres halten. Aber da hat es dann eine dumme Geschicht gegeben in den 1870er Jahren – also eigentlich nichts Schlimmes – man hat eben geredet, und so eine Sache kann ja dem einmal passieren! Sicherlich, ich hätte mich nicht darauf einlassen sollen, und am Ende hab ich den Dienst quittieren müssen. Statt dem Blau der Infanterie das Dunkelgrün der Gendarmerie.

Buchcover "Die Mur schweigt" Schwarz mit blutigroten Blüten

Wollen Sie ein bisschen genauer verraten, was damals geschehen ist?

Nein. [Besagte Geschichte kann man in „Die Mur schweigt“ nachlesen. Anm. d. Autorin.]

Sind Sie trotz allem nun glücklich mit ihrem Beruf als Gendarm in Gratwein?

Na, was heißt glücklich? Ich schau eben, dass alles seine Ordnung hat. Wenn wieder einmal irgendwelche Landstreicher durch die Gegend ziehen und den Hausfrauen die frisch gewaschene Wäsch von der Leine stehlen, oder irgendein Hallodri sich ungefragt bei den Hühnern von wem bedient, da muss ja wer eingreifen! Und wer sammelt die Trunkenbolde von der Straße ein? Und wenn wieder ein Gemeindekind davonläuft, weil es nur Schläge und Mehlsuppe bekommt, muss es auch wer einfangen gehen. Ja … und dann gibt es auch die Fälle, wo plötzlich ein totes Fräulein vorm Pensionat liegt, und keiner was weiß oder was gesehen hat. Da bleibt einem ja gar nichts anderes übrig, als sich auf die Suche nach dem Mörder zu machen.

Das heißt, Sie klären auch Kapitalverbrechen auf?

Kapitel…? Verzeihung, ich kann leider kein Latein.

Ich meinte, Sie sind auch in wirklich schwerwiegende Fälle verwickelt. Ermitteln Sie da ganz alleine?

Naja, bei der Geschichte mit den toten Fräuleins – die sind nämlich blöderweise nach der Reihe gestorben, weshalb das ein wirklich unangenehmer Fall war – hat mir dann eine von den Lehrerinnen geholfen. Quasi. Also natürlich hab ich als Gendarm zusammen mit meinem Postenkommandanten die zentralen Schritte eingeleitet, und selbstverständlich ist so ein Frauenzimmer … also im Grunde habe ich allein ermittelt. Bloß hat das Fräulein Lehrerin gewisse Hinweise geliefert, die ich erst … die ich eigentlich gar nicht … also sie hatte einen anderen Blickwinkel.

Sie sind bei Ihrer Arbeit demnach auf die Sicht einer Frau angewiesen?

Nein! Also eigentlich … eher nicht, außer … in gewisser Weise. Sie verstehen.

[Um diese kryptische Antwort zu verstehen, ist es empfohlen in „Jenseits der Mur“ nachzulesen. Anm. d. Autorin.]

Würden Sie vielleicht noch ein bisschen mehr über diese Frau verraten, die natürlich keineswegs in Ihre Arbeit als Gendarm involviert ist?

Je nun … ich weiß nicht, ob dem Fräulein Fichte das recht ist, wenn ich hier einfach so allerhand über sie erzähle.  Sie ist nämlich Lehrerin, wie schon gesagt. Also nach der Sache im Pensionat war sie zunächst Privatlehrerin in einem äußerst angesehenen Haushalt, aber wie dort dann das Hausmädel verschwunden ist, und auf einmal alle verdächtig und gefährlich waren, hat sie sich natürlich eine andere Stellung gesucht. [Falls Sie wissen wollen, was genau geschehen ist, kann man das in „Die Kälte der Mur“ nachlesen. Anm. d. Autorin.] Sie kann nämlich auch Klavier spielen und schreiben, also so richtig, Geschichten eben, und sie ist gescheit, fast wie eine Studierte und … na, hübsch ist sie auch, würde ich sagen – obwohl sich das wahrscheinlich nicht gehört, wenn ich das einfach so erzähle.

Wie würden Sie also das Verhältnis zu besagtem Fräulein Fichte beschreiben?

Wir haben überhaupt kein Verhältnis! Sie ist eine grundanständige Person und wenn … also da müsste ich sie schon vorher heiraten, dass wir … Sie wissen schon.

Gibt es denn bereist ein Einverständnis zwischen Ihnen?

Was sind denn das für Fragen?! Aber … nein, also nicht wirklich. Aber sie hat gesagt, dass ich hoffen darf …

Bitte entschuldigen Sie, ich wollte nicht indiskret sein. Aber darf ich noch fragen, was Ihre Pläne für die Zukunft sind?

Zukunft, das ist so was Abstraktes, darüber denken eher die gelehrten Herrschaften nach, und die, die so viel Geld haben, dass sie damit anstellen können, was immer ihnen in den Sinn kommt. Aber ja, jetzt wo ich Postenkommandant in Gratwein geworden bin, da darf man wohl ein bisserl überlegen, was man machen kann, wenn man nicht mehr bloß in einem Militärzinszimmer oder in der Kaserne haust. Direkt über der Amtsstube, da gibt’s eine kleine Wohnung, in der ein verheirateter Postenkommandant wohnen darf. Platz wär da genug, auch für drei, vier Kinder, wenn man die Mägdestuben unter dem Dach herrichtet. Und sonst … na, Deppen, die ein Verbrechen begehen wird es wohl immer geben, da muss ich mir keine Sorgen machen, dass es mir in Zukunft womöglich fad wird.

Arbeiten Sie gerade an einem neuen Fall?

Wann wird denn nicht geraubt, gelogen und betrogen? Da muss man nicht gleich einen Fall draus machen, wie die gescheiten Herren von der Polizei, wenn man wieder einmal irgendeinen Lumpen einkassiert.

Das heißt, Sie haben es derzeit eher geruhsam?

Kuraufenthalt ist das hier auch keiner, nur weil nicht allenthalben ein Mörder herumläuft. Außerdem muss ich jetzt als Postenkommandant regelmäßig zum Rapport beim Bezirkshauptmann und alle zwei Monate kommt obendrein der Bezirkskommandant zur Visite. Von Ruhe kann da keine Rede sein. Und außerdem hab ich kürzlich eine Nachricht aus Wien bekommen. Mein ehemaliger Probegendarm, der Leopold Leitner, der ist ja jetzt bei den Polizeiagenten dort, und da hat es eine Anfrage gegeben wegen irgendeiner merkwürdigen Soiree in einem Jagdschloss in der Nähe von Stift Rein. Noch weiß keiner was Genaues, aber angeblich sollen dort ganz furchtbar abartige Dinge passieren, und wenn diese Irrwitzigen sich wieder treffen, soll ich versuchen, mehr herauszufinden. Also ich weiß nicht recht, ob mir das gefällt …

[Vorerst ist noch nicht bekannt, in welchem Buch man über diese Angelegenheit mehr erfahren wird. Anm. d. Autorin.]

Das hört sich in jedem Fall spannend an.

Spannend?! Das ist mein Beruf, meine Pflicht. Als Gendarm muss ich Gott, Kaiser und Vaterland dienen, ob das nun besonders spannend ist oder nicht. Sie tun ja so, als wäre das für Sie nur ein amüsanter Roman …

Historische Geschichten

Ich entschuldigte mich für meinen Fauxpas und wir plauderten noch ein Weilchen miteinander. Ich erfuhr, dass die Mutter von Wilhelm Koweindl angeblich den besten Schweinsbraten in der gesamten Monarchie machte, und sie früher immer den Bratensaft mit dem alten Brot, das man den Gästen im Wirtshaus nicht mehr vorsetzen konnte, aufgetunkt haben. Er erzählte mir, dass die Buben ihn schon in der Volksschule für seine überragende Größe gehänselt hatten und dass er im Katechismusunterricht die Bibel nach unanständigen Stellen durchsucht hatte. … und irgendwann erwähnte er, dass er mehrere ältere Brüder gehabt hatte, die alle noch als Kinder gestorben waren. Er selbst wäre damals auch fast an Mumps gestorben. Ich glaube aber, darüber hatte er gar nicht reden wollen, es war ihm einfach passiert, wie man eben Dinge sagt, weil sie einem gerade so in den Sinn kommen.

Wir schwiegen eine Weile.

Dann verabschiedete er sich und ich wartete, bis der Waldrand ganz im Schatten lag.

Hier geht es zu den Büchern: https://emons-verlag.de/p/jenseits-der-mur-6529

Website: https://www.gudrunwieser-autorin.com/


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