Interview mit Louisa, dem Hurdy-Gurdy-Girl

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1868: Ein Reporter des Cariboo Sentinel interviewt Louisa, die Hauptfigur des Romans »Unter fernem Himmel«, denn er hat soeben Unglaubliches über das deutsche Hurdy-Gurdy-Girl erfahren!

Diese Zeitung, erschienen in der – heute kanadischen – Stadt Barkerville, und die Hurdy-Gurdy-Girls hat es wirklich gegeben.

Doch schauen wir, warum der Reporter Steven so aufgeregt ist …

Miss Louisa! Miss Louisa, stimmt es, dass eigentlich Sie statt Finn in den Kerker gehören?

Wie bitte?

Entschuldigung – Sie sind doch Louisa, das Hurdy-Gurdy-Girl?

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Und Sie sind …? Ich habe Sie noch nie hier im Saloon gesehen.

Stimmt, ähm, ich treibe mich sonst nicht in solchen Etablissements herum. Ich … ich bin glücklich verheiratet. Mein Name ist Steven, Steven McCoullen, ich schreibe für den Cariboo Sentinel. Doch zurück zu Ihnen. Was sagen Sie zu den Vorwürfen, die gegen Sie erhoben werden?  

Ich habe keine Ahnung, wovon Sie sprechen.

Ganz Barkerville redet von nichts anderem! Sie können mir doch nicht erzählen, dass …

Tanzen Sie mit mir! Den Dollar, den es kostet, einfach hier auf die Theke legen. 

Was? Wie? … Ah, ich habe schon gehört, dass die Hurdy-Gurdy-Girls nur hinter dem Geld der Männer her sind.

Ach so? Von wem haben Sie das gehört? Von Scotch-Jimmy? Der hat noch nie ein gutes Haar an uns gelassen. Und mich kann er überhaupt nicht leiden. Vermutlich haben Sie sein abgedrucktes Lied in Ihrer Zeitung gelesen, in dem er meint, dass wir Tanzmädchen Herzen aus Stein haben und nur die Dollars lieben.

Ähm, ja, stimmt. Wie gesagt, ich selbst bin verheiratet und …

Und Ihre Frau ist mit Ihnen nach British Columbia in dieses gottverlassene Kaff gezogen? Ja? Sie Glücklicher. Aber viele der Goldgräber, die es hierher verschlagen hat, sehnen sich nach ihren Frauen, die sie in Schottland, England oder anderorts zurückgelassen haben. Diese Kerle freuen sich, wenn Sie mit einem weiblichen Wesen reden, mit einer von uns eine Runde tanzen können …

… und mehr, wie man hört.

Sir, ich muss schon bitten!

O Entschuldigung, ich weiß, die Hurdy-Gurdy-Girls gelten als ehrbare deutsche Mädchen. Aber es gibt Gerüchte …

Ich bin nicht so eine! Wissen Sie, wie schlimm es ist, ungewollt in einem fremden Land zu landen und die Sprache nicht zu beherrschen? 

Wobei Ihr Englisch vorzüglich ist, Miss Louisa, wenn ich das anmerken darf.

Danke, aber die meisten Hurdy-Gurdy-Girls radebrechen nur ein paar Phrasen. Und sie haben keine Ahnung, wie es ist, weit weg von zu Hause zu sein – völlig allein. In unserem Dorf in Hessen war ich ein Mädchen wie alle anderen, aber hier … hier wechseln die Damen – wie Ihre Gattin – die Straßenseite, wenn Sie mir auf der Main Street begegnen. Wissen Sie, wie weh das tut? Und dass ich nur wieder heim will? Aber ich darf nicht, noch fast drei Jahre muss ich … oh, da kommt mein Hurdy-Boss! Schnell, zahlen Sie für den Tanz mit mir! Bitte!

Ich weiß nicht … ja … in Ordnung.

Danke – kommen Sie. Zu dieser Polka dreht es sich besonders leicht im Kreis. Der Hurdy-Gurdy-Spieler hier hat nämlich eindeutig mehr Taktgefühl als der Fidler, der nachher aufspielen wird.

Gut, dass ich gleichzeitig tanzen und reden kann. Doch zurück zu Ihnen, Miss Louisa. Sie wissen doch ganz genau, warum ich Sie sprechen will. Es geht das Gerücht um, dass nicht der eingesperrte Finn, sondern Sie Oregon-Bobs Gold gestohlen haben.

Wer erzählt denn so einen Unsinn? Wie sollte ich hinauf in die Berge kommen, wo Oregon-Bob den Großteil seines Goldes versteckt gehabt hat? Und vor allem – wie hätte ich es fortschleppen sollen? 

Wenn ich Sie so ansehe, so klein und zart, wie Sie sind … da ist was dran. Aber es wird auch erzählt, dass Sie Finn zu dem Raub angestiftet haben. Und verliebt, wie er in sie ist, nimmt er jetzt, wo er festgenommen worden ist, die ganze Schuld auf sich. 

Am liebsten würde ich unseren Tanz sofort beenden und Sie einfach stehen lassen! Aber das würde mir schlecht bekommen. … Jetzt sagen Sie schon: Wie können Sie so etwas behaupten!

Nun, wie Sie mir vorher erzählt haben – Sie möchten nach Hause, zurück nach Hessen. Und dafür brauchen Sie Geld.

Und deshalb werde ich zur Diebin und ziehe auch noch Finn mit hinein?! Von einem Hurdy-Gurdy-Girl denken sowieso nur alle das Schlechteste, und Sie halten mich nun gar für eine Verbrecherin!

Sie sind gesehen worden, Miss Louisa. Am Postamt. Beinahe jeden Tag fragen Sie dort nach, ob ein Brief Ihrer kleinen Schwester eingetroffen ist. Cora heißt sie, nicht wahr? Zu ihr wollen Sie doch unbedingt zurück.

Woher wissen Sie das jetzt schon wieder? – Aber sie haben recht. Ich vermisse Cora so. Ich habe sie wie mein eigenes Kind großgezogen, da unsere Mutter immer am Gutshof arbeiten musste. Und als der Vater mich hierher verkauft hat … Ich habe ihr versprochen, so schnell wie möglich zurückzukehren. Und das werde ich wahr machen!

Und darum haben Sie Finn dazu angestiftet, das Gold zu stehlen. Und nun wartet der Galgen auf den armen Kerl, und …

Was? Der Galgen? O nein … ich … ich muss sofort fort!

Miss Louisa! Wo wollen Sie denn hin? Sie können mich doch hier nicht einfach stehen lassen! Warten Sie! Miss Louisa …

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